Ausdrucksstark und kraftvoll bewegen sich die Tänzerinnen zu der Musik Schuberts, wirken mal aggressiv und zielstrebig, mal sanft und verletzlich. HAZ
Die Compagnie Fredeweß feiert Jubiläum: Zehn Jahre tanzt das Ensemble des Choreografen Hans Fredeweß schon im AhrbergViertel. Gefeiert wird, einen lang gehegten Wunsch - das Gedicht „Der Tod und das Mädchen“ - tänzerisch umzusetzen. Bewusst wird hier keine Geschichte erzählt, sondern es werden innere Befindlichkeiten dargestellt. Das gelingt, das fesselt. Gänsehaut beim Abschlussbild mit der Installation „Interlaced“ der hannoverschen Künstlerin Anne Nissen.
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Ausgehend von Claudius’ Gedicht schrieb Franz Schubert zunächst ein Klavierlied und setzte die spannungsreiche Begegnung zwischen Leben und Tod, Eigenem und Fremdem dann in einem Streichquartett (1824; Nr. 14 d-Moll D 810) gleichsam musikdramatisch um. Hier geht es, in thematischer Zuspitzung, um eine ins Extrem gesteigerte Zeiterfahrung. Beharren und Veränderung, Bewegung und Stillstand, Ewigkeit und Vergänglichkeit: Das unaufhaltsame Vergehen der Zeit ist im Quartett weniger als illustrierte Erzählung denn als direkter musikalischer Ausdruck spürbar. Wie der Komponist das Paradigma des ewigen Fließens in musikalische Strukturen übersetzt, war für damalige Ohren neu und unerhört: Leitthema und Begleitung umkreisen sich in ständigem Dialog; Wiederholungen, Varianten und Variationen schrauben sich zu pulsierender Überdrehtheit, Thesen und Antithesen finden zu keinem versöhnenden Ausgleich. Und doch ist in jedem Extrem immer auch die Sehnsucht nach dem Gegenpol spürbar: Todesangst und Ruhe, nervöses Zittern und selige Entspannung, fliehende und stillstehende Zeit. Bereits die Vision des Endes, die Idee des Stillstands verleiht der spannungsgeladenen Begegnung eine schillernde Dynamik zwischen Überschwang und Melancholie. - Hier trifft der für damalige Verhältnisse gewagte musikalische Zugriff Schuberts auf die Prinzipien des Modernen Tanzes. Wie Schubert illustriert dieser keine Handlungsvorgaben, sondern genügt sich selbst im körperlichem Ausdruck; wie bei Schubert ist die Bindung an ein übergeordnetes Thema locker, im Ganzen gesehen aber zwingend. Wie Thema und musikalische Begleitung bei Schubert ihre Selbständigkeit behalten und doch erst im Dialog lebendig werden, so bewegen sich die tanzenden Körper in Anziehung und Abstoßung zur Musik: Thema und Tänzer tauchen auf, berühren sich, begleiten sich eine Strecke und verabschieden sich wieder in die Vereinzelung. In der Begegnung von Jung und Alt findet das zyklische Auftauchen und Verschwinden seinen archaischen Ausdruck: Wie in der Jugend der Keim des Alters steckt, so bewahrt das Alter den kostbaren Kern der Jugend. Wo das eine ist, kann das andere nicht sein, und doch ist das Abwesende immer anwesend: Es blitzt kurz auf, um neuerlich zu verschwinden. Sabine Göttel |