Der aufgemischte Chopin
Namen schaffen Tatsachen. "Studiobühne" klingt klein, die Compagnie Fredeweß zielt auf Größeres. Über 2000 Schüler erlernten dort 2009 die Lust am Modernen Tanz, neben den Eigenproduktionen finden alljährlich ein hannoversches Festival und eine europäische Koproduktion statt. Weshalb die Compagnie ihren Raum nun zum "Tanzhaus im AhrbergViertel" proklamierte.
Quadratmetertechnisch ist das hochgestapelt, der Tanzqualität aber angemessen, was die Uraufführung der diesjährigen "All-In-One"-Kooperation bewies. Chopin ist diemal Thema, neben Fredeweß mischen eine Dresdnerin und eine niederländische Gruppe die ewige Begleitmusik aller Balletttrainings spannend auf.
Drei Fredeweß-Tänzerinnen spielen in synchronen Figuren mit den schön perlenden Klavierläufen Chopins, erstarren aber immer wieder in maskenhaftem Zähnezeigen oder werfen Küsschen. Dynamik gewinnt ihr Tanz jedoch erst im zweiten Teil, zur Chopin zerbröselnden Komposition von Damian Marhulets.
Stark in der Expression tanzt die Dresdnerin Irene Schröder liegend, mit Armen, Kopf und Schultern, schlangengleich den eigenen Stil zu den vielstrapazierten Klängen suchend, die bei ihr nur sequenzweise in eine Soundvollage eingespielt werden.
Einen intensiven Pas-de-deux der Berührung und Abstoßung präsentiert die Niederländerin Minke Elisa Brands, bei dem erfreut, dass das Tanzhaus doch auch Studiobühne bleibt: Gegen das Hautnah-Erlebnis auf der ebenerdigen Tanzfläche kann keine distanzierte Bühne mithalten.
Evelyn Beyer, Neue Presse Hannover
Tanz den Chopin
Kann man die Komposition eines zur (sic!) Grundlage modernern Tanzperformances machen? Drei Musiker haben sich für die hannoversche Tanzcompagnie Fredeweß des Komponisten Frédéric Chopin angenommen. Tobias Herzz Hallbauer, Damian Marhulets und Maurits Overdulve sind seit gestern bei dem Festival "All in one" im neuen Tanzhaus im AhrbergViertel zu hören und zu sehen.
Chopin in Reinform gibt es freilich nicht: der Komponist musste sich ziemlich dem Zeitgeist beugen. Die Musiker zersetzen Tonfolge um Tonfolge, verbinden Fragmente mit elektronischen Knistereien, Wortfetzen und Jahrmarktsklängen. Chopin klingt mal wie ein vertonter Albtraum, dann wieder nach romantischem Soundtrack für Avantgardefilme, schließlich nach einem Besuch auf dem Frühlingsfest.
Entsprechend fallen die drei Choreografien des Tanzabends "All in one" aus. Die Tänzerinnen der Compagnie Fredeweß spielen mit leicht wirkenden Figuren, mit der oberflächlich rein formalen Schönheit der Chopin-Klänge, brechen diese mit finsteren Grimassen. Immer wenn die Klangkulisse droht, jegliche Emotion zu verlieren, setzen die Tänzerinnen auf schnelle, energische Schritte, posieren als die "Drei Engel für Charlie" mit imaginären Pistolen und kichern wie Teenager. Irene Schröder aus Dresden zeigt eine beklemmende Choreografie, bei der sie sich auf dem Boden liegend freizutanzen scheint, nur um später wie eine getriebene Marionette den immer schneller werdenden Klavierklängen zu folgen. Und die Niederländer Minke Elisa Brands und Paolo Fossa machen aus der eigenwilligen Chopin-Interpretation ein Beziehungsstück, in dem man sich näher kommt, sich Grenzen aufzeigt, sich trennt und wieder annähert. Selten wurde ein Komponist so vielfältig und spannend in Szene gesetzt.
Diese Vielfalt ist es auch, die die Compagnie Fredeweß nun veranlasste, ihre Studiobühne Tanz in das sogenannte Tanzhaus im AhrbergViertel umzubenennen. Seit zehn Jahren versammeln sich dort mehrere Tanzinitiativen wie die Compagnie Fredeweß selbst, aber auch die tanzvermittelnde Initiative MOTs, die vor allem Schülern den Tanz näher bringt, oder der Koordinierungskreis für "Dogdance", das Tanzfestival der Freien Szene Hannovers. Zum neuen Namen passt der Festivaltitel "All in one" natürlich trefflich."
Jan Sedelies, Hannoversche Allgemeine Zeitung
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