Tanz den Bach!
Faszinierende Choreografien im Tanzhaus im AhrbergViertel
Bachs Goldber-Variationen sollten es sein - nicht alle, aber zwei, drei Variationen mussten verwendet werden. Das war die Vorgabe, die Hans Fredeweß den Choreografinnen Minke Elisa Brands und Martina Marini vorgab und der er sich selbst unterwarf. "Bach" war der Abend lakonisch überschrieben, der jetzt in Fredeweß' Tanzhaus im AhrbergViertel erstmals zu sehen war. "Bach" ist, nach "Walzer" und "Chopin" die dritte Ausgabe der Tanzhaus-Reihe "All in One": Alles in allem: Alles für einen.
In Brands' "E-Motion in Delay" treten auf: eine Tänzerin im T-Shirt aus großmütterlichen Spitzen, eine Cellistin im Alltagsdress und ein Mann in Schwarz, der das Mischpult und eine Art hölzernes Metronom aus Fantasia-Land bedient, das im Hintergrund der Bühne steht. Marieke van der Heyden, die Cellistin, spielt weniger Bach, dafür mehr vom niederländischen Filmkomponisten Maurits an Overdulve, während Tänzerin Alexandra Braguti sich von den Tönen bewegen lässt, noch mehr aber von sich selbst. Sie erscheint gleichzeitig als simultan aufgenommene Videoprojektion auf dem dünnen Schleier, der Bühne und Zuschauerraum trennt. Bachs Kontrapunkt, die aufgeschobene Wiederholung, wird so zum Gleichnis für verzögerte Gefühle. Eine raffinierte künstlerische Installation.
Ganz viel Bach, diesmal vom Band, ist in Martina Marinis "Aria" zu hören. Marinis Tänzerin, Anastasia Kostner, erzählt auch von Gefühlen, aber solchen, die keine Verzögerung erlauben. Da wollen Füße lebendig werden und verkrampfen und verzerren erst mal. Sind sie aber aufgewacht, dann tanzen sie selbst barfuß noch wilder als die märchenhaften roten Schuhe von Hans Christian Andersen. Und reißen den Rest des Körpers mit in die Auflösung ebendessen. Jeder Atemzug der Tänzerin lässt spüren, wie intensiv sich die Südtirolerin Marini dem Butoh-Tanz verpflichtet fühlt: Schönheit ist immer auch Schrecken - selbst wenn die Tänzerin lacht. Eine aufwühlende Studie über die Erfindung der Bewegung.
Brands leitet in Utrecht eine experimentelle Tanzcompagnie, Marini eine Gruppe in ihrer Geburtsstadt Meran. Diesen beiden exzellenten Frauen hat Hans Fredeweß in Hannover eine Plattform geboten, und auf dieser entführen sie den Zuschauer in ein Land vergessener Wunder. Hannoversche Allgemeine Zeitung, 15.04.11 |